In Sachen Homorechte belegt Italien nach einer Berechnung der Organisation ILGA Europe den 32. Platz von 50 Ländern und bewegt sich damit auf dem selben Level wie Georgien oder Serbien. Offen lesbisch oder schwul zu sein, ist in Italien immer noch ein Problem. Zur Homophobie des Landes gehört die Unsichtbarkeit von Schwulen und Lesben – in der Wirklichkeit und in den Medien.
Noch letztes Jahr im Dezember hat das staatliche Fernsehen Raidue die schwulen Küsse zwischen den Cowboys im Film Brokeback Mountain zensiert und weggeschnitten, auch wenn der Film nach 22 Uhr nachts gesendet wurde. Und dann die Zensur mit technischen Fehlern begründet. Im diesem Zusammenhang stehen die überraschenden Ereignisse in der Show Big Brother 10 (2009-2010).
In dieser Ausgabe der Reality Show wurden Lesben sichtbar wie nie zuvor im Italienischen Fernsehen: Zwei Konkurrentinnen, Sarah Nile und Veronica Ciardi, haben sich erstmals öffentlich in der Silvesternacht geküsst und dann immer wieder einander ihre Liebe erklärt. „Ti amo“ wurde das Leitmotiv ihrer Gespräche. Die Geschichte zwischen den beiden griffen Fans und nannten sie „Il Sogno“ (Der Traum). Unter diesem Namen wurde sie weltberühmt. Paradox daran ist, dass die beiden Frauen immer leugneten lesbisch, bisexuell oder gar ein Paar zu sein.
Aus diesem Grund wurden sie von Homo-Gruppen weitgehend ignoriert, weil sie dem Playmate (Sarah) und der Discotänzerin (Veronica) aus der Reality Show nie vertrauten, eine wahre Geschichte zu erzählen. Die Folge war, dass die beiden nicht-lesbischen Frauen ständig das Lesbischsein im Fernsehen verteidigen mussten, ohne Unterstützung durch die politisch bewussten Lesben zu erhalten. Diese Fernsehsendungen reproduzierten einerseits mit der Geschichte von Sarah und Veronica die schrecklichen und altbekannten Stereotypen über Lesben, zeigten aber auch so oft wie nie zuvor lesbische Küsse und erhöhten somit das Interesse am Thema Homosexualität in der italienischen Gesellschaft.
Zugleich wurden die „Pseudo-Lesben“ zu Idolen von tausenden lesbischen, bisexuellen oder hetero-neugierigen Frauen, die normalerweise keinen Kontakt zur Szene halten. Die Fans organisierten sich, um die Beziehung zwischen Sarah und Veronica auf YouTube zu erzählen. Sie überwachten den Livestream rund um die Uhr und schnitten die Szenen heraus, die die ihrer Meinung nach von Big Brother „zensierte“ lesbische Liebesbeziehung bewiesen. Sie übersetzten die Videos und teilten diese mit Fans aus aller Welt. Sie starteten sogar Protestaktionen gegen die Homophobie von Big Brother und der Produktionsfirma mediaset. Über das Internet erzählten sie schließlich eine ganz andere Geschichte – eine, die das italienische Fernsehen nie zeigte.
Im Hintergrund dieser kollektiven Bemühung bleibt vieles ungesagt: Viele Fans denken, dass Veronica und Sarah ein Liebespaar sind, es aber nicht sagen dürfen, da ihre Karrieren ansonsten enden würden. Es ist der internalisierte Imperativ der Unsichtbarkeit, der diesen Frauen ermöglicht “Il Sogno“ zu lieben und zu verehren.
Diversamente Etero (Anders Hetero) ist ein Dokumentarfilm, der über das Paradox von Big Brother 10 berichtet. Durch Interviews mit Fans, Homoaktivisten, Medien und Homophobieforscher und durch die „zensierten“ Videos aus der Fernsehshow versucht Diversamente Etero die Wirkung dieses Phänomens nachzuvollziehen und über die Bedeutung der Mediendarstellung für die Emanzipation von Lesben in Italien nachzudenken.
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